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Geschwindigkeit der EZB bei Zinswende? Da ist ja eine Schnecke schnell

Die EZB ist ins geldpolitische Grübeln gekommen, glaubt Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank. Denn das Schreckgespenst der Deflation in der Eurozone habe sich verflüchtigt und die Wachstumsraten der Euro-Länder hätten sich im 1. Quartal 2017 auf den ersten Blick stabilisiert.

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Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank 
© Baader Bank

"Nach der französischen Präsidentschaftswahl habe sich das politische "Schlaganfallrisiko" in der Eurozone so stark zurückgebildet, dass der geldpolitische Blutverdünner weniger gebraucht wird", formuliert Halver gewohnt pointiert.

Steht der Einstieg der EZB in den geldpolitischen Ausstieg also kurz bevor?

Nicht so schnell, meint Halver, denn auf den zweiten Blick zeigten Deutschland und Spanien zwar stabiles Wirtschaftswachstum, doch dagegen sehe es in Frankreich und Italien mau aus: "In Schulnoten ausgedrückt ist das eine Vier", resümiert der Kapitalmarktexperte der Baader Bank. "Daher werden auch die Vertreter der EZB nicht müde zu betonen, dass die Voraussetzung für ihren geldpolitischen Kurswechsel sehr solide Konjunkturen sind. In der Süd-Eurozone gibt es die nicht wirklich." Die Grafik gibt die Wirtschaftsleistung der Euro-Staaten (real und indexiert) wieder.

Ein bisschen Reform-Kosmetik löst die Wirtschaftskrise in Frankreich nicht 

Zur Abhilfe sollte niemand von Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron zu viel an Reformbewegung erwarten, meint Halver. Die wirtschaftspolitische To Do-Liste Macrons habe zwar Bibelstärke, doch zweifelt der Kapitalmarktexperte an Macrons „Bibelfestigkeit“: "Die Gefahr ist sogar groß, dass der Macronismus ebenso verweltlicht wird wie der Trumpismus. Macrons wirtschaftspolitischer Geist ist zwar willig, sein populistisches Fleisch aber schwach. Er weiß, dass es fast unmöglich ist, in Frankreich den Staub der Sozialromantik von 35-Stunden-Woche und Rente mit 62 wegzublasen, ohne dass jemand zu husten anfängt. Das sind die Niederungen der Realpolitik, mit denen auch Macron noch viel Spaß bekommt. Leider löst ein bisschen Reform-Kosmetik die Wirtschaftskrise nicht. Das schafft allein die Reform-Kernsanierung."

Was also tun?

Man könne in Frankreich nicht plötzlich die Tugenden der schwäbischen Hausfrau predigen, doch weiter nach griechischen Finanz-Rezepten kochen, stellt Halver klar. Macron suche nach einer transzendenten Krisenlösung durch die europäischen bzw. vor allem den deutschen Partner. So erklärten sich auch seine aktuellen Reanimationsbemühungen der unter Hollande stark erkalteten deutsch-französischen Beziehung. Doch hinter so viel emotionalen Liebesschwüren verstecke sich auch viel rationale Berechnung, ist Halver überzeugt: "Man erwartet von Deutschland eine Belohnung dafür, dass Europa mit der Wahl Macrons zum französischen Präsidenten vor dem Zerfall gerettet wurde und auch eine Wiedergutmachung für die unverschämt hohen deutschen Handelsüberschüsse. So soll unter anderem die französische Konjunktur über ein Europäisches Budget, also die Vergemeinschaftung von neuen Schulden in Form von Euro-Anleihen (Euro-Bonds) mit deutscher Bürgschaft gerettet werden. Doch nur weil alle in der Eurozone den instabilitätspolitischen Schmuddelanzug tragen, wird daraus noch lange keine wirtschaftspolitisch attraktive Mode."

Macron will den leichteren Weg gehen und Deutschland zahlen lassen

Denn die Privatwirtschaft werde nicht investieren, wenn strukturelle Defizite den angeschlagenen Euro-Staaten erhalten bleiben wie dem Sommer die Mücken. La Grande Nation leide nicht unter der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands, sondern unter seiner bislang gezeigten Ignoranz, sich dem globalen Konkurrenzkampf mit eigener Wettbewerbsfähigkeit entgegenzustellen, so Halvers schonungsloser Befund. (kb)

 

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