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Es gibt ein Leben nach dem Tod (Kommentar)

Nun ist also der britische Austrittsantrag überreicht, und der Countdown des Procederes beginnt. Wenn auch die meisten Kommentatoren samt medialer Einheits-Begleitmusik schwere Zeiten für die Briten heraufdämmern sehen, so wäre es doch mehr als falsch, Großbritannien abzuschreiben.

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Dieser Kommentar ist kein österlicher, auch wenn es der Titel vielleicht suggeriert. Vielmehr geht es um die Optionen, die Großbritannien hat und nutzen wird, um nach der Aufgabe der EU-Mitgliedschaft seinen neuen Platz in der Weltgeschichte zu finden. Die EU-Granden wären schon im Eigeninteresse gut beraten, den Briten einen fairen Deal anzubieten, anstatt sich beleidigt in den Trotzwinkel zurückzuziehen und mit unerfüllbaren und bis dato nicht aufgeschlüsselten Forderungen von 60 Milliarden und mehr in die Verhandlungen zu gehen. Die Absage an den Merger von Deutscher Börse und der London Stock Exchange ist wohl auch in diesem Licht zu sehen, selbst wenn andere Argumente bemüht werden.

Wie wäre es mit Sparen?

Über neue EU-Steuern nachzudenken, wie es die "überzeugten Europäer" vor allem links der Mitte so gerne tun, um das durch den Abzug des UK entstehende Budgetloch zu füllen, ist einfach, aber der falsche Weg. Stattdessen wäre Sparen bei der Bürokratie angesagt - etwas, das den Knallchargen in Brüssel und ihren Unterstützern wohl noch nie in den Sinn gekommen ist. Einem Krebsgeschwür gleich, verlangt der Apparat, der immer mehr Kompetenzen einfach an sich zieht, nach immer mehr Mitteln und Personal. Ist es jemals einem Entscheidungsträger in den Sinn gekommen, dasss diese Maßlosigkeit die Unzufriedenheit in den Mitgliedsländern bei der hart arbeitenden Bevölkerung schürt und mit ein Grund für den formulierten Ausstiegswillen der Briten ist?

Großbritannien hat eine Menge Optionen

Ein Steuerparadies vor den Toren der EU, die sich immer mehr zur Steuerwüste entwickelt, ist eine Möglichkeit, die Nähe zu den Dominions und ehemaligen Kolonien zu suchen und entsprechende Freihandelsverträge abzuschließen, eine weitere. Und dann ist da noch die Atomkarte, die gerade jetzt, wo Europa nach dem - verständlichen - Willen der USA einen höheren Beitrag zu seiner eigenen Sicherheit leisten soll, stechen könnte. Ohne Großbritannien gibt es keine europäische Sicherheitsarchitektur. Vielleicht sollten die Briten dem Kontinent hierfür einmal eine gesalzene (Gegen-)Rechnung legen.....

Kapitalmarkt als Trumpf

Der britische Kapitalmarkt sucht an Breite und Tiefe seinesgleichen in der EU, auch auf dem Risikokapitalmarkt (Private Equity und insbesondere Venture Capital-Finanzierungen) ist man führend. Die großen Pensionskassen und Versicherer sowie eine ausgeprägte Aktienkultur, die am Kontinent mit Ausnahme der Schweiz, Holland und Skandinavien kaum vorhanden ist, gepaart mit wirtschaftsfreundlichen Regulierungen, sind Vorteile, die man mit einer kontinentaleuropäischen Regulierungswut - oder ist es gar eine Lust? - nicht beseitigen kann. 

Feuchte Kontinental-Träume werden Träume bleiben

Besonders lächerlich muten die Versuche von Deutschland und Frankreich an, britische Unternehmen zu sich ins Land locken zu wollen. Hohe arbeitsrechtliche und sonstige Hürden und Steuern sind kontraproduktiv, wo doch Irland vor der Briten-Türe liegt und sich als Hub schon aus sprachlichen Gründen hervorragend eignet. Den vielzitierten "Entrepreneurial Spirit" findet man am Kontinent selten. Auch Malta und Zypern sollte man in diesem Zusammenhang nicht vergessen: Niedrige Steuern und ein am Common Law orientiertes Rechtssystem zählen für kulinarisch nicht verwöhnte Engländer mehr als Haut Cuisine oder Eisbein, mehr als Boni-Limitierungen und Finanztransaktionssteuern. 

Verhandlungstheater

Natürlich wird man dem UK zu Anfang der Verhandlungen viele Steine in den Weg legen, um andere, mit einem Austritt liebäugelnde Länder einzuschüchtern. Was daran demokratisch sein soll, werden wohl nur die sogenannten Brüsseler "Eliten" verstehen können. Dieses Verhalten hat schon Züge, die stark an jene der Sowjetunion erinnern. Sollten die Austrittsverhandlungen länger als zwei Jahre dauern, ist das auch kein Breinbruch. Übergangsbestimmungen und -fristen wird es ohnehin geben müssen. Um das tiefe Pfund, das die Briten konkurrenzfähig macht, werden die Euro-Staaten der Südflanke, die im Kerker der Einheitswährung gefangen sind, die Briten bald beneiden. Großbritannien wird gut beraten sein, seine Stärken ins Treffen zu führen, und Theresa May ist zu wünschen, dass sie sich in Bezug auf Verhandlungsstärke und -schläue zu einer zweiten Margaret Thatcher entwickelt, falls sie es nicht ohnehin schon ist.

Meinungspluralismus

Dem Bürger am Kontinent wiederum ist zu wünschen, dass das sich verengende Meinungsspektrum verbreitert und das mantraartige Herunterschreiben der Briten aufhört. Zitiert sei hier der neue deutsche Bundespräsident, der da meinte, "...der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch..." 

Fazit

Es wird also ein Leben nach der EU geben, so wie es für die Schweiz und Norwegen ein Leben außerhalb der EU immer schon gegeben hat, und dieses war und ist beileibe kein schlechtes. Das britische Leben nach der EU wird jedenfalls mit Sicherheit ein freies und selbstbestimmtes sein. (kb)

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