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Ausgabe 2/2014

»Wenn Zeit zu Geld wird«

Christof Quiring ist Leiter Investment- und Pensionslösungen bei Fidelity Worldwide Investment. Auf der „Handelsblatt“-Veranstaltung „Betriebliche Altersversorgung 2014“ von 25. bis 27. März in Berlin spricht er mit Institutional Money über seine Erfahrungen mit Zeitwertkontenmodellen in Deutschland.

Christof Quiring scheint froh, dass aktuell wieder mehr Interesse an Zeitwertkonten besteht. Fidelity hat Zeitwertkonten im eigenen Haus 2006 eingeführt und daher auch eigene Erfahrungen damit gemacht.

 

 

Fidelity verfügt in den angelsächsischen Ländern über Erfahrung im Altersvorsorgemarkt. Was bietet Ihr Haus in diesem ­Bereich in Deutschland an?

Christof Quiring: In Deutschland haben wir 2006 mit dem Geschäftsbereich bAV angefangen, und das erste Produkt, das wir entwickelt haben, waren Zeitwertkonten. Bei uns selbst haben wir dann gleich 2006 einen Zeitwertkontenplan eingeführt.

 

Welche Dienstleistungen im Zusammenhang mit Zeitwertkonten bieten Sie an?

Quiring: Unternehmen können ihren Zeitwertkontenplan komplett von uns verwalten lassen. Dazu gehört neben der Kapitalanlage die Kontenadministration – auch über das Internet mit Onlinezugang –, die Insolvenzsicherung und die Kommunikation an die Mitarbeiter. Wir haben auch Kunden, deren Zeitwertkonto wir administrieren, die neben Produkten von Fidelity auch Fonds anderer Fondsgesellschaften nutzen – und auch Versicherungsprodukte.

 

Wie sieht bei Ihnen die Kapitalanlage für Zeitwertkonten aus?

Quiring: Aufgrund der Garantie, die seit dem Flexi-II-Gesetz bei Zeitwertkonten erforderlich ist, wird das Geschäft heute von den Versicherern  dominiert. Unser Haus bietet Fonds an, die keine Garantie haben, denn bei den flexiblen Verwendungszwecken ist es schwierig, einen Garantiezeitpunkt zu benennen. Ohne diesen ist die Garantie jedoch schwer zu gestalten, ohne dass die Rendite gänzlich unattraktiv wird. Anders als in der bAV weiß man bei Zeitwertkonten ja nicht im Voraus, wann ein Mitarbeiter beispielsweise sein Sabbatical nehmen wird. Soll das Zeitwertkonto ausschließlich für den Vorruhestand genutzt werden, können wir dagegen problemlos eine Quasi-Garantie darstellen. Dazu kaufen wir Zerobonds der Bundesrepublik Deutschland und inves­tieren den diskontierten Kaufbetrag. Für einen Mitarbeiter, der heute 100 Euro einzahlt und voraussichtlich in 20 Jahren in den Vorruhestand gehen möchte, kaufen wir vielleicht einen Zerobond zu 55 und erwerben dann mit den restlichen 45 Euro Fondsanteile.

 

Was sind das für Fonds, die hier zum Einsatz kommen?

Quiring: Wir haben zwei Fondsprodukte entwickelt, um den Vorgaben des Flexi-II-Gesetzes gerecht zu werden. Fidelity Demografiefonds Konservativ für die flexible Freistellung und Fidelity Demografiefonds Ausgewogen für den Vorruhestand, wo der Anlagehorizont in der Regel länger ist. Beide haben weder eine explizite Garantie noch eine feste Laufzeit und investieren flexibel in Aktien, festverzinsliche Wertpapiere und Geldmarktinstrumente. Beim konservativen Mischfonds ist die Aktienquote auf 20 Prozent begrenzt – das ist eine gesetzliche Vorgabe – und beim ausgewogenen auf 50 Prozent – das ist eine freiwillige Begrenzung von uns. Der Rest wird so investiert, wie auch die Sozialversicherungsträger investieren, nämlich in festverzinsliche Wertpapiere mit gutem Rating.

 

Wer ist der Garantiegeber?

Quiring: Formal gibt der Arbeitgeber die Garantie auf Kapitalerhalt. Es gibt Unternehmen, die einen externen Garantiegeber wünschen, dann nutzen wir das Zerobond-Modell. Oder das Unternehmen übernimmt selbst das Garantierisiko – in dem Fall hat der Mitarbeiter keine Garantiekosten, die zulasten der Rendite gehen.

 

Wer wählt aus, welcher Fonds zum Einsatz kommt?

Quiring: In vielen Zeitwertkontomodellen ist es so, dass der Arbeitnehmer wählen kann, für welche Zwecke er sein Zeitwertkonto verwenden möchte: zum Beispiel Vorruhestand, Babypause, Sabbatical und/oder Fortbildung. Der Mitarbeiter muss sich vorher festlegen, ob er sein Guthaben für einen der flexiblen Zwecke einsetzen möchte oder ausschließlich für den Vorruhestand.

 

Welche Trends sehen Sie bei der Verbreitung von Zeitwertkonten?

Quiring: Seit VW in den 90er Jahren das ers­te Zeitwertkontomodell eingeführt hat, sind viele Großunternehmen gefolgt. Aber die Marktdurchdringung ist erst deutlich größer geworden, als die Chemiebranche 2009 ­einen Tarifvertrag abgeschlossen hat, durch den Langzeitkonten flächendeckend für die Chemiebranche kamen. Solche Branchenlösungen sind für die Verbreitung von Zeitwertkonten enorm hilfreich.

 

Wofür verwenden die Mitarbeiter ihre Zeitwertkontoguthaben überwiegend?

Quiring: Wir beobachten, dass die Unternehmen Zeitwertkonten sehr strategisch einsetzen. Wir haben zum Beispiel einen Kunden, der betreibt Containerterminals in Bremerhaven und Hamburg. Er will, dass seine Hafenarbeiter bis zu vier oder fünf Jahre früher in Rente gehen können. Einige Mitarbeiter werden per Kran in Körben auf die Schiffe gelassen, um die Verschlüsse an den Containern zu öffnen – das ist tatsächlich ein Job, den man nicht bei Wind und Wetter bis 67 machen möchte. Dieses Unternehmen sieht den Bedarf, seine Leute früher in Rente gehen zu lassen. Der Arbeitgeber hat daher die Arbeitszeit erhöht, und die Hälfte der Erhöhung fließt automatisch in das Zeitwertkontomodell. So kommen die Mitarbeiter auf nennenswerte Beträge.

 

Wie groß sind denn die Beträge auf den Zeitwertkonten?

Quiring: Das ist sehr unterschiedlich. Wenn eine automatische Teilnahme vereinbart wird, beispielsweise dass jede Woche 2,5 Stunden einfließen, dann kommen schon recht hohe Beträge zusammen. Dies ist so bei unserem Beispiel mit dem Container­terminal, oder auch bei Verkehrsbetrieben. Die wissen, dass ihre Fahrer über 60 einen messbar höheren Krankenstand haben. Solche Arbeitgeber subventionieren meist ihre Zeitwertkontenmodelle, zahlen also etwas dazu. Dann kommen deutlich höhere Beträge zusammen, als wenn das Modell rein mitarbeiterfinanziert und freiwillig ist.

 

Welche Trends sehen Sie noch bei Zeitwertkonten?

Quiring: Derzeit stehen bei der flexiblen ­Nutzung Fortbildung und Sabbaticals im Vordergrund. Wir gehen aber davon aus, dass das Thema Freistellung für Pflegezeiten – überwiegend die Pflege der Eltern – zunehmen wird.

 

Können denn die Arbeitgeber tatsächlich immer so flexibel reagieren?

Quiring: Die Flexibilitätsanforderungen an die Arbeitgeber sind schon hoch. Unternehmen, die überwiegend in Projekten arbeiten, tun sich leichter, einen Mitarbeiter mal für sechs oder acht Wochen freizustellen, als ­andere. Auf der anderen Seite bekäme ein Unternehmen das eine oder andere Talent gar nicht, wenn es hier nichts anböte.

 

Wie sieht bei Zeitwertkonten der Wettbewerb zwischen Versicherer und Fonds aus?

Quiring: In den meisten Pitches, zu denen wir kommen, sind zwei Versicherer und ein Fondsmanager eingeladen. Es gibt mittlerweile nur noch wenige Asset Manager, die sich mit dem Thema beschäftigen. Bei den Versicherern ist es etwas breiter verteilt, wobei nicht alle Versicherer spezielle Produkte für Zeitwertkonten anbieten.

 

Halten Sie Zeitwertkonten für ein attraktives Betätigungsfeld für Produktanbieter?

Quiring: Wir halten Zeitwertkonten auf jeden Fall für ein interessantes Feld. Zum einen ist hier der Wettbewerb unter den Fondsgesellschaften relativ gering, was uns natürlich einen Vorsprung bietet. Mindestens so spannend ist aber, dass wir als Asset Manager damit Zugang zu Unternehmen erhalten und deren Mitarbeiter an Fonds als sinnvolle Anlage zum langfristigen Vermögensaufbau heranführen können. Viele Mitarbeiter kommen bei der Präsentation des Zeitwertkontos zum ersten Mal mit Fonds in Berührung, und über den Arbeitgeber, der die Produkte vorausgewählt hat, schöpfen sie auch das Vertrauen. Wir sehen Zeitwertkonten also durchaus als strategisches Marktsegment.

 

Wir danken für das Gespräch.

Kategorie: Steuer & Recht

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