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Ausgabe 4/2014

Strengere Grenzkontrollen

Die Compliance-Vorschriften zur Pre-Trade-Anlagegrenzprüfung sollen demnächst verschärft und an das KAGB angepasst werden. Derzeit werden jedoch noch nicht einmal die seit vier Jahren bestehenden ­Regelungen flächendeckend umgesetzt, aber die Branche arbeitet daran.

Als institutioneller Anleger ist man in seinen Anlageentscheidungen ähnlich „frei“ wie ein Linienpilot der Lufthansa in der Wahl seiner Flugroute. Die Spielräume sind – gelinde gesagt – gering. Die Grenzen sind aber nicht nur eng gesteckt, sie müssen auch permanent überwacht werden, sodass sie unter keinen Umständen verletzt werden. Und das erfordert angesichts der Vielzahl an Vorgaben auch einen „Überwachungsapparat“, der durchaus Ähnlichkeiten mit den Instrumenten eines Flugzeugcockpits aufweist. Zumindest theoretisch, denn in der Praxis weist die systematische Überprüfung, ob eine gesetzliche oder vertragliche Anlagegrenze durch die Erteilung einer neuen Order überschritten wird, offenbar noch Optimierungspotenzial auf – und das nicht nur in Deutschland. „Feedback aus dem Markt zeigt, dass nach wie vor bedingt revisionssichere Lösungen wie zum Beispiel Excel-Sheets für die Prüfung der Anlagegrenzen zum Einsatz kommen“, erklärt Mark Poremba, Spezialist für Anlagegrenzprüfung und Ordermanagement bei der Fondssoftware­firma Diamos in Sulzbach bei Frankfurt. Der Grund dafür liegt auf der Hand: „Gerade für kleinere Gesellschaften ist der Kostenfaktor für Systeme, Stamm­daten und Kurse nicht zu vernachlässigen“, erklärt Poremba.

 

Dabei ist die Verpflichtung für Kapitalverwaltungsgesellschaften oder externe Portfoliomanager, die Einhaltung der gesetzlichen Anlagegrenzen für OGAW-Fonds bereits vor der Ordererteilung zu überprüfen, nicht neu. Schon seit dem 30. Juni 2010 gelten die Mindestanforderungen an das Risikomanagement für Investmentgesellschaften. In einem BaFin-Rundschreiben wurden die Regelungen des alten deutschen Investmentgesetzes mit ihren Compliance-Anforderungen konkretisiert. Das neue KAGB ist seit 22. Juli 2013 in Kraft, und daher erwarten die betroffenen Unternehmen nun ein neues Rundschreiben, das dann die ordnungsgemäße Geschäftsorganisation von Kapitalverwaltungsgesellschaften nach dem KAGB konkretisiert.

 

Die BaFin erklärt dazu: „Derzeit wird ein Verwahrstellen-Rundschreiben erstellt, das das Depotbank-Rundschreiben ersetzen soll. Die BaFin hat sich hierzu bereits mit Verbands- und Unternehmensvertretern getroffen. Die Konsultation hat allerdings noch nicht begonnen. Das geplante Rundschreiben betrifft die Pflichten der Verwahrstellen, die die Vermögensgegenstände der von den Kapitalverwaltungsgesellschaften verwal­teten Investmentvermögen verwahren und die Tätigkeit der Kapitalverwaltungsgesellschaften kontrollieren.“

 

Keine lückenlose Umsetzung

Nun darf man hoffen, dass eine solche BaFin-Vorgabe alle offenen Fragen beantwortet, allzu optimistisch sollte man dabei aber nicht sein. Nicht ausreichend klar ­formulierte aufsichtsrechtliche Vorgaben zählen heute zu den größten Problemen in allen Bereichen, die mit professioneller Vermögensverwaltung zu tun haben. Solange aber Unsicherheiten bestehen, dürfte auch die Bereitschaft, Investitionen in die Anlagegrenzprüfung – gerade im Bereich der Pre-Trade-Prüfung – zu tätigen, verhalten bleiben. Poremba dazu: „Das Depotbank- be­zie­hungsweise Verwahrstellenrundschreiben ist hier ein Beispiel, bei dem der Interpretations­spielraum dazu geführt hat, dass für Verwahrstellen – vormals Depotbanken – nicht eindeutig klar wurde, in welcher Form sie ihren Prüfpflichten nach­zukommen haben.“

 

Eine Umsetzung der InvMaRisk ist aber nicht nur deshalb notwendig, weil dies vorgeschrieben ist, sondern auch die Kunden verlangen das. „Immer mehr Investoren fragen in ihren Ausschreibungen, ob Pre-Trade-Checks durchgeführt werden. Auch deshalb haben wir bereits Ende 2012 das System G2 von Lombard Odier eingeführt“, erklärt Thomas Meyer, Vertriebsleiter Deutschland der belgischen Investmentboutique Petercam.

 

Die rechtlichen Vorgaben nicht exakt zu erfüllen kann auch teuer werden. In den USA hat beispielsweise die Securities and Exchange Commission (SEC) seit 2010 jährlich rund drei Milliarden US-Dollar an Strafen für Compliance-Brüche in den USA verhängt. „In vielen Fällen hätten die Strafen vermieden werden können, wenn ein adäquates Compliance-System installiert gewesen wäre“, erklärt Oliver Widmann vom Systemanbieter Simcorp.

 

Doch was genau ist eigentlich zu über­wa­chen? Die gesetzlichen Anlagegrenzen für deutsche Publikumsinvestmentfonds sind in den Paragrafen 192 bis 213 des KAGB geregelt, und weitgehend ähnliche Grenzen gelten für UCITS-Fonds auch in anderen EU-Ländern. Sie stellen eine Mindestrisikostreuung sicher und dienen letztendlich dem Anlegerschutz. Neben der bekannten 40/10/5-Regel besagen sie zum Beispiel, dass maximal 20 Prozent des Fondsvermögens in Bankguthaben bei einer Bank oder maximal zehn Prozent des Fondsvermögens in Wertpapieren und Geldmarktinstrumenten eines nicht öffentlichen Konzerns gehalten werden dürfen.

 

Komplexe Anlagegrenzen

Besonders schwierig gestaltet sich die Überwachung der Emittentengrenzen, bei denen die Konzernstrukturen berücksichtigt werden müssen. „Hier wird es komplex. Im Idealfall sollte jeder Fondsmanager oder -berater auf die Daten und das System der KVG Zugriff haben“, erklärt Poremba, denn nur so kann eine zeitnahe Überwachung stattfinden. „Wenn eine Abstimmung der Bestände zwischen dem Manager und der Fondsgesellschaft aber nur ein- oder zweimal monatlich ­erfolgt, sind Differenzen nicht auszuschließen. Es können sich Situationen ergeben, in denen Abweichungen durch noch offene beziehungsweise schon gebuchte Orders entstehen.“

 

Die enorme Vielzahl an Anlagegrenzen – gesetzliche, fonds- und KVG-spezifische – lässt es angebracht erscheinen, die Einhaltung der Grenzen durch IT-Systeme zu überwachen. Dies umso mehr, wenn verschiedene Verwahrstellen, Fonds und individuelle Portfolios von Großkunden compliancemäßig unter einen Hut zu bringen sind. „Nach dem heutigen Stand decken wir bereits mehr als 400 gesetzliche Anlagebeschränkungen ab, und die Zahl wächst weiter“, verdeutlicht Carsten Kunkel, Leiter des Bereichs Legal Practices beim Softwareanbieter SimCorp Central Europe, wie komplex die Sache tatsächlich ist. „Mit unserem eigenständigen Legal-Practices-Team fühlen wir uns für zukünftig notwendige Updates gut gerüstet.“ In einer Case Study der österreichischen Fondsgesellschaft 3 Banken-Generali Investment-Gesellschaft in der Zusammen­arbeit mit Simcorp heißt es: „Die Ex-ante-Grenzprüfung ist das Kernstück der neuen Funktionalität im Front Office. Jede Order wird vor der Weiterleitung an die Börse oder den Broker noch einmal geprüft. Hierfür wurden im Compliance-Manager über 500 Regeln umgesetzt, die entweder von Kundenvorgaben bei Großanlegerfonds, ­eigenen Regeln der Fondsmanager oder der Investmentfondsgesellschaft und nicht zuletzt von gesetzlichen Vorgaben herrühren. Dank der IT-technischen Unterstützung wurde die Pre-Trade-Kontrolle erheblich ausgedehnt, und Grenzverletzungen aus dem eigenen Haus können nunmehr in aller Regel ausgeschlossen werden.“

 

KVGs sourcen aus

Der Markt scheint also zu reagieren – wenn auch langsam. Viele KVGs verlangen bereits vom Portfoliomanager, die Anlagegrenzen vor der Ordererteilung im Blick zu haben. „Dort, wo die Anlageentscheidung getroffen wird, soll auch das Risikomanagement stattfinden“, erklärt Carsten Osswald, Geschäftsführer des Softwareanbieters Patronas Financial Systems. „Derzeit beobachten wir ein Outsourcing beim Risikoma­nagement, dass die Portfoliomanager also selbst das Risikomanagement übernehmen sollen und nicht mehr allein die Kapital­verwaltungsgesellschaft. Von dort sehen wir eine deutliche Belebung der Nachfrage. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern auch im luxemburgischen Markt, auf den wir uns stärker fokussieren.“

 

Portfoliomanager sollen sowohl aktive als auch passive Grenzverletzungen überwachen. Wird durch eine neu aufgegebene ­Order des Fondsmanagers eine der gesetzlichen Anlagegrenzen überschritten, handelt es sich um eine aktive Anlagegrenzverletzung. Bei einer solchen aktiven Anlagegrenzverletzung muss die Gesellschaft sofort handeln und gegebenenfalls durch ein Gegengeschäft die Verletzung zurückführen. „Vereinfacht gesagt sind aktive Anlagegrenzverletzungen im Einklang mit § 211 KAGB und § 29 KAPruefbV Verstöße ­gegen gesetzliche Bestimmungen oder Regelungen in den Anlagebedingungen des Fonds, die oftmals aufgrund des Erwerbs oder der Veräußerung von Wertpapieren auftreten“, erklärt Patrick Stöß, Managing Director und Generalbevollmächtigter der BNY Mellon Service KAG.

 

Dies verursacht vermeidbare Trans­aktionskosten und potenzielle Verluste. „Sofern die Anlagegrenzverletzung nicht bereits beim Pre-Trade-Check erkannt und das Geschäft erst gar nicht getätigt wurde, müssen wir als Master KVG sicherstellen, dass die Auswirkungen des Verstoßes korrigiert werden, insbesondere dass der Fonds bei eventuellen Verlusten entschädigt wird.“

 

Die BaFin kontrolliert die Anlagegrenzverletzungen auf Basis der jährlichen Prüfberichte. „Die Kapitalverwaltungsgesellschaften und Verwahrstellen müssen jedoch die Einhaltung der Anlagegrenzen laufend –bei Wertpapierfonds in der Regel börsentäglich – prüfen“, erklärt die BaFin, und weiter: „Es besteht gesetzlich keine sofortige Meldepflicht gegenüber der BaFin, weder für die KVG noch für die Verwahrstelle. Für den Fall, dass die Verwahrstelle Verstöße gegen die Anlagegrenzen feststellt, gibt es jedoch einen sogenannten Eskalations­prozess.“ Dies sind die Maßnahmen, die ­ergriffen werden, um den Regelverstoß zu beheben.

 

Eine passive Anlagegrenzverletzung, die durch die Kursbewegungen der gehaltenen Papiere oder die Ausübung von Bezugsrechten zustande kommen kann, ist weniger kritisch, da ­diese durch Marktbewegungen und nicht durch Handlungen des Fondsmanagements hervorgerufen werden. Hier ist „als vorrangiges Ziel anzustreben, diese Grenzen wieder einzuhalten, soweit dies den Interessen der Anleger nicht zuwiderläuft“, heißt es im Gesetz (§ 211 Abs. 2 KAGB).

 

In der Praxis knifflig

Was sich trivial anhört, ist in der Praxis alles andere als einfach umzusetzen. Poremba dazu: „Eine korrekte Pre-Trade-Prüfung erfordert eine hohe Datenfülle, und die ­Anforderungen an die Qualität der Stammdaten sind hoch. Entsprechend kostspielig und aufwendig sind Datenversorgung und Datenpflege.“

 

Neben der Datenquantität und -qualität kommen weitere externe Einflussfaktoren zum Tragen. „Die Pre-Trade-Prüfung berücksichtigt neben der aktuellen Order auch die schon aufgegebenen, aber noch nicht gebuchten Orders. Zum Zeitpunkt der Prüfung steht jedoch noch nicht fest, ob die aufgegebenen Orders aufgrund der vor­handenen Limitkriterien überhaupt gehandelt werden. Dies kann die Ergebnisse der Pre-Trade-Prüfung deutlich verändern“, ­erläutert Poremba. Osswald ergänzt: „Komplex wird es bei Zertifikaten und allen strukturierten Anlagen, das ist manuell nicht mehr zu handeln.“

 

Handel beschleunigt

Für Fondsinvestoren hat die Vorabprüfung durchaus Vorteile: „Seit wir die Pre-Trade-Prüfung bei uns eingeführt haben, ­beschleunigt das die Orders ungemein“, ­erklärt Georg Neubauer, Geschäftsführer beim Wertpapierhandelshaus Capital Idea in München, und fährt fort: „Früher musste der externe Fondsberater eine Orderanfrage bei der KVG stellen. Diese prüfte dann, ob durch die Order eine Anlagegrenze verletzt würde. Erst nach einem positiven Bescheid konnte der Fondsberater seinem Broker dann die Order erteilen, und die Papiere wurden schließlich in das Depot des Fonds gebucht. Solche Anfragen konnten je nach KVG vereinzelt auch mal mehrere Stunden dauern. Wir nutzen beispielsweise für unsere Stabilitas-Fonds über unseren KVG-Partner seit mehreren Jahren das von Patronas bereitgestellte Order-Management- und Compliance-Tool ,Opus‘, sodass bei uns gleichzeitig mit der Ordererteilung geprüft wird, ob damit eine Anlagegrenze verletzt würde.“

 

Damit spricht Neubauer aber auch einen weiteren Aspekt an: Die Pflicht zur Pre-­Trade-Prüfung spielt spezialisierten IT-Anbietern in die Hände. Deren Kosten werden letztlich direkt oder indirekt auf die Fondsanleger abgewälzt. Andererseits minimiert sich durch die ­frühe Überwachung der Anlagegrenzen die Wahrscheinlichkeit von aktiven Verletzungen. Ohne Pre-Trade-Prüfung müssen Portfoliomanager sehr ­genau abwägen, ob sie die möglichen Kosten und ­Risiken einer falschen Anlageentscheidung tragen können und wollen.

Verschärfte Compliance-anforderungen sorgen für zusätzliches Geschäft bei Softwareanbietern. * A State Street Company Quelle: Anbieter

Kategorie: Steuer & Recht

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