30.07.2010, 10:15 Uhr
Helmut Späth, Versicherungskammer Bayern: "Solvency II ist wohl zu komplex angelegt"
Helmut Späth (Bild), Finanzvorstand der Versicherungskammer Bayern und somit verantwortlich für einen Kapitalanlagebestand von über 35 Milliarden Euro stand Barbara Bertolini von INSTITUTIONAL MONEY exklusiv für ein Gespräch zur Verfügung. In diesem gewährte der institutionelle Großinvestor Einblick in seine Anlagestrategie und sprach auch über Solvency II.
Redaktioneller Hinweis in eigener Sache:
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Dem Geschäftsbericht zu Folge, stellt Ihre Auswahl der Kapitalanlagen eine überdurchschnittlich konservative Strategie dar. Trotzdem konnten Sie in den letzten fünf Jahren einen Ertrag von über 25 Prozent erwirtschaften. Wie ist das möglich?
Wir verfolgen einen defensiven Ansatz in der Vermögensanlage. In der Finanzwelt gibt es im Grunde zwei Ansätze: Den Ansatz zur Vermögenserhaltung und den Ansatz der Vermögensvermehrung. Wir verfolgen den Ansatz der Vermögenserhaltung. Es geht uns nicht darum, acht oder 15 Prozent Performance pro Jahr zu erwirtschaften, sondern es geht uns in erster Linie um den Kapitalerhalt und darauf aufbauend um einen vernünftigen Ansatz bei der Geldvermehrung. Das heißt: Wir fragen immer genau, welches Risiko mit einer Kapitalanlage verbunden ist. Das erwarten auch unsere Kunden von uns, ganz besonders die Kunden in der Lebensversicherung.
Sehen Sie mittlerweile solide Aktien als Ersatz für Staatsanleihen?
Ich halte in der derzeitigen Situation die überwiegende Anzahl der Staatsanleihen für sehr sicher. Grundsätzlich können Staaten aufgrund ihrer Handlungsoptionen eine höhere Sicherheit bieten, wie das Unternehmen in der Regel möglich ist. Nichts desto weniger muss man auch bei jeder Investition in vermeintlich sichere Zinsanlagen die Chancen und Risiken abwägen. Im Jahr 2004 haben wir uns entschieden, unser Bankenexposure zurückzufahren und das Risiko unseres Portfolios insgesamt zu reduzieren. Heute haben wir 80 bis 85 Prozent unseres Kapitals in relativ risikofreien deutschen Staatsanleihen, Pfandbriefen und nur noch in reduziertem Umfang in Schuldscheindarlehen bei deutschen Banken investiert. Das sind aus meiner Sicht derzeit die sichersten Anlagen. Die restlichen rund 15 Prozent unserer Mittel investieren wir unter anderem in Investmentgrade Unternehmensanleihen, Aktien, High Yield Anlagen, etc., stets unter Berücksichtigung des Chance- und Risikoprofils und einer breiten Streuung. Wir können die Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden nur durch einen hohen Anteil sicherer Kapitalanlagen erfüllen.
Deutsche Rentenpapiere haben aktuell eine sehr geringe Verzinsung. Wie können Sie (bzw. vergleichbare Investoren) damit die notwendigen Renditen zukünftig erwirtschaften? Wie positionieren Sie sich im Falle eines länger andauernden Niedrigzinsumfeldes? Wie reagiert Ihr Haus im Falle „japanischer Verhältnisse“?
Die Auswirkungen eines anhaltend niedrigen Zinsniveaus würden vor allem die Lebens- und Krankenversicherung betreffen. Derzeit liegt die Verzinsung unserer Kapitalanlagen in der Mittelfristplanung über 4 Prozent. Gegen ein mögliches langanhaltendes Niedrigzins-Szenario haben wir uns durch den Kauf von Swaptions und langlaufenden Zinsanlagen abgesichert. Damit überbrücken wir mittelfristige Zinsrückgänge und können dadurch unsere Garantien erfüllen.
Immer mehr Staatsanleihen westlicher Länder (PIIGS) verlieren ihr gutes Rating. Im Gegensatz dazu steigt die Kreditwürdigkeit von Schwellenländern. Erleben wir einen Paradigmenwechsel? Werden Schwellenländer zukünftig die besseren Schuldner? Wie reagieren Sie bzw. andere professionelle Investoren auf diesen Trend?
In der Tat verändert sich derzeit die Bonität der Emerging Markets im Vergleich zur westlichen Welt. Die Kreditwürdigkeit der Schwellenländer verbessert sich zunehmend, während die Staatsverschuldung in den Staaten der westlichen Hemisphäre weiter ansteigt. Diese Entwicklung berücksichtigen wir in unseren Investitionsüberlegungen. So beinhaltet unsere Anlagestrategie auch zu einem geringen Anteil Emerging Markets Zinsanlagen.
Experten stellen die Sicherheit aller Staatsanleihen in Frage und meinen, dass Unternehmensanleihen bester Qualität bzw. entsprechende Unternehmensanleihen-Indizes im Vergleich dazu sicherer sein sollen. Begründung: International aufgestellte Konzerne wie beispielsweise Nestle oder GlaxoSmithKline gelten als bessere Schuldner als von demographischen Problemen geplagte Staaten. Wie sehen Sie das? Steht ein Paradigmenwechsel bevor – wie würden Sie darauf reagieren?
Wir investieren auch in Unternehmensanleihen, können aber, wie bereits erwähnt, Kapital in großem Umfang nur in Anlagen investieren, die uns eine sehr hohe Sicherheit bieten. Diese Sicherheiten oder Garantien bekommen wir von Staaten mit einer hohen Bonität oder durch Investments in Pfandbriefe etc., d.h. in Anlagen bei denen wir sicher sein können, dass die Zahlungsversprechen auch erfüllt werden. Insofern liegt bei uns kein Paradigmenwechsel vor.
Sind Sie mit Ihrem Chance-/Risikomanagement noch niemals falsch gelegen?
Natürlich haben auch wir diverse Entwicklungen am Markt nicht vorher gesehen. Durch die Ableitung der Kapitalanlagestruktur aus den Verbindlichkeiten konnten wir aber viele Fehler vermeiden. Wie bereits erwähnt, haben wir vor diesem Hintergrund unseren Bestand bereits seit Jahren nachhaltig gegen niedrige Zinsen abgesichert und konnten den seit Anfang der 80er Jahre ungebrochenen Trend fallender Zinsen abmildern.
Legen Sie das Kapital prognosegestützt an?
Wir können nicht vorhersagen, wie sich z.B. der Zins in Zukunft entwickeln wird. Wir versuchen deshalb, so gut wie möglich, prognosefrei anzulegen. Das heißt, was ich heute für mein Kapital bekomme, ist in der Regel das Beste, was ich erwirtschaften kann.
Investieren Sie auch in Rohstoffe – wenn Ja, welche Indizes bzw. Instrumente kommen zum Einsatz?
Ja, wir investieren zur Diversifikation auch in geringem Umfang in Rohstoffe, wobei ein Commodity Index zum Einsatz kommt.
Inwieweit sind ETFs für Ihr Haus ein Thema?
Wir setzen ETFs bei uns ein, da mit ihnen Betaquellen einfach nachgebildet werden können, große Volumina verfügbar und die Kosten niedrig sind.
Haben Sie von der Krise profitiert?
Generell profitiert von einer Krise solchen Ausmaßes, bis auf ein paar Wenigen, keiner. Es haben aber hoffentlich viele aus den Krisenerfahrungen für die Zukunft gelernt.
Setzen Sie weiterhin auf die Funktionalität diverser Risikokennzahlen?
Wir haben unser Risikomanagementteam kontinuierlich ausgebaut. Unsere Mitarbeiter bewerten jede Assetklasse und jedes Einzelinvestment mit entsprechenden Risikomodellen und Risikomanagementsystemen. Man muss sich dabei aber immer darüber im Klaren sein, dass diese Systeme von Menschen gemacht sind und uns lediglich helfen können Zusammenhänge zu erkennen. Die Systeme steuern letztendlich nicht ein Unternehmen, sondern sie unterstützen nur. Die Entscheidungen trifft nach wie vor der Mensch!
Glauben Sie, Ihre Anlagestrategie ist besser als die Ihrer Mitbewerber?
Es geht nicht darum besser zu sein als der Mitbewerber. Wir haben in erster Linie die Aufgabe, unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden und Aktionären zu erfüllen und das gelingt uns seit Jahren sehr gut.
Inwieweit wird Solvency II die Marktanteile bei Versicherungen verändern?
Da die konkrete Ausgestaltung von Solvency II derzeit noch nicht feststeht, ist hierzu keine konkrete Antwort möglich. Tendenziell ist aber davon auszugehen, dass kapitalstarke Unternehmen ihre Marktanteile ausbauen können. Der Konzern Versicherungskammer Bayern hat eine gute Kapitalbasis.
Könnte eine zu scharfe Umsetzung von Solvency II die Realwirtschaft schädigen?
Ja. Dies wäre dann der Fall, wenn sehr hohe Kapitalanforderungen umzusetzen sind. Ein Ausgleich würde dann bei den Versicherungsunternehmen über den Preis stattfinden. Mit anderen Worten: Der Versicherungsschutz würde teurer werden.
Wie stehen Sie dazu, dass unter Solvency II (griechische) Staatsanleihen mit gar keinen bzw. weniger Eigenmitteln hinterlegt werden sollen, während solide Aktien bzw. Aktienfonds hohe Unterlegungen benötigen?
Die Entwicklung des Versicherungsaufsichtsystems unterliegt auch einer zeitlichen Dimension. Bei der Festlegung der Rahmenrichtlinie wurde das Risiko eines Staatsbankrotts von Ländern des Euro-Raums als äußerst gering eingestuft. Damals wurden die Staatsanleihen dieser Länder als risikolos gewertet. Diese Position wird im weiteren Verlauf der Entwicklung von Solvency II überprüft werden.
Was finden Sie gut an Solvency II, was weniger gut oder sogar schlecht?
Positiv sehen wir die stärkere Berücksichtigung des Risikomanagements im aufsichtsrechtlichen Prozess in Europa und die Abkehr von bisher pauschalen Solvenzberechnungen hin zu einer risikoadäquaten Unterlegung des Versicherungsgeschäfts. Problematisch sehen wir, dass die bisher vorliegenden Ansätze eine deutliche Steigerung der Kapitalanforderungen mit sich bringen, wofür es meines Erachtens keine hinreichenden Gründe gibt. Zudem werden selbst die Standardmodelle für Solvency II immer komplexer, so dass die Berechnungen nur von wenigen Fachleuten in den Versicherungsunternehmen verstanden und interpretiert werden können. Mit derart komplexen Aufsichtsmodellen ist aus meiner Sicht das eigentliche Ziel von Solvency II, nämlich die stärkere Verankerung des Risikomanagements in der Unternehmenssteuerung nicht erreichbar.
Herr Späth, wir danken Ihnen für das Gespräch.

